Es war ein bemerkenswerter Abend

Inge Jens las aus ihrem neuesten Buch 

 

 

Freimaurerinnen & Freimaurer fühlen sich verpflichtet, an den Bedingungen für die Verwirklichung würdevoller und ethisch begründbarer Lebensformen und -umstände auf dieser Welt mitzuwirken. Da die Freimaurerei dazu jedoch keine fertigen Antworten oder Konzepte vorgibt, müssen wir uns immer wieder neuen Fragestellungen öffnen und auf die sich ändernden Bedingungen der Gesellschaft reagieren.

 

Das geht nicht hinter verschlossenen Türen, sondern nur im Diskurs mit kompetenten und erfahrenen Menschen und der Öffentlichkeit. Wir teilen unsere Überzeugungen und Ideale gerne mit anderen und hoffen, sie durch Austausch und Weitergabe zu Orientierungswerten für gemeinsames Handeln zu machen.

So fanden sich am Mittwoch, 29. Juni 2016 sich etwas mehr als 60 Gäste im Logenhaus in der Oberamteistraße 29 - einem Ort für freies, eigenständiges und vorurteilsloses Denken, für den Gedankenaustausch mit anderen, mit anders Denkenden - zur Lesung von Frau Dr. Inge Jens ein. 

Frau Dr. Inge Jens ist für die Reutlinger Freimaurerinnen eine große Partnerin im Geiste, denn Ihr Leben und Wirken hält viele Impulse für das eigene Denken und Handeln bereit.

Prof. Dr. Walter Jens war im Tübinger akademischen Kreis, national und international eine Institution. 2004 wurde seine Demenzerkrankung definitiv attestiert, am 9. Juni 2013 starb er. Das „langsame Entschwinden“ zog sich fast eine Dekade lang und erforderte von Frau Jens immense und unvorstellbare Kräfte.

Sie schilderte den Prozess ihrer Wahrnehmung der Krankheit ihres Mannes, ohne Pathos, ohne Traurigkeit, aber mit Würde. Mit Pragmatismus erklärte sie den geistigen Abbau -  „so wie es wirklich war“. Es ging nicht nur um die Entfremdung eines geliebten Menschen, um den drastischen Verlust der geistigen Symbiose der Eheleute, sondern auch um eine gewisse Gleichgültigkeit und standardisierte Abfertigung des Patienten im Krankenhaus und in der Pflege.

Besondere Authentizität erhielt die Lesung dadurch, dass das Buch Briefe und Berichte enthält, also teils sehr persönliche Gedanken und Empfindungen vermittelt, aber auch sachliche Reflexion, wenn Fachleute die Adressaten sind.  So nahm sie die Zuhörer mit dorthin, wo es um Dinge geht, die in unserer Gesellschaft tabuisiert werden, die sehr persönlich sind - ohne deren Veröffentlichung es aber auch nicht möglich ist, die Menschen für Missstände und Verbesserungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft zu sensibilisieren. 

 

Frau Jens versuchte nicht zu beschönigen, aber auch nicht zu dramatisieren. Als Wissenschaftlerin analysierte den Verlauf der Demenzerkrankung ihres Mannes nüchtern, sachlich, blieb jedoch in höchsten Maße menschlich und einfühlsam.

Die Stimmung war spürbar ernst aber nicht bedrückt.

Nach ihrer Lesung lehnte sie sich zurück, lächelte und sagte auffordernd:

„So, fragen Sie!“

Diese Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, wurde von vielen Anwesenden wahrgenommen, denn Frau Jens hatte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl durch ihre Persönlichkeit wie auch durch ihre großartige Sprache voll in ihren Bann gezogen. 

Bilder SH

Aufmerksam widmete sich Frau Dr. Jens  jedem Buch.  

Umgehen mit dem Unbegreiflichen

 

Inge Jens bringt uns mit ihrem neuen Buch die noch viel zu oft im privaten Bereich verbleibende Problematik von Demenz sehr nahe. Eine Auswahl an Briefen lässt die Leserinnen und Leser unmittelbar am Geschehen teilnehmen und die persönlichen Schwankungen, die eigene Unsicherheit im Umgang mit dem kranken Menschen gefühlsmäßig miterleben.

 

Der ausführliche Bericht über die Veränderungen ihres Mannes, mit denen Inge Jens  durch die fortschreitende Krankheit konfrontiert war, ist ein wichiger Impuls, über die Situation des Pflegepersonals in unserer Gesellschaft nachzudenken. Hilfe und Unterstützung durch ein gut bezahltes Pflegepersonal sind keine Selbstverständlichkeit und vielen Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen fehlt ausreichend Zuwendung und entsprechende Lebensqualität in ihrem Alltag.

Inge Jens konnte viele Leistungen bezahlen, die ihr selbst und dem Kranken eine würdige Lebenssituation ermöglichten.Gerade dadurch, dass sie sich nicht scheut, von ihrer privilegierten Situation zu erzählen, weist sie darauf hin, was in unserer Gesellschaft verbessert werden muss.

 

"Sich einmischen - Wille und Vision"

Stationen eines bewegten Lebens

 

Ein couragiertes Leben – eine ungewöhnliche Frau

(Covertext Inge Jens „Unvollständige Erinnerungen“)

 

 

„Nie wieder darf Menschen eingeredet werden,

es sei ihre patriotische oder religiöse Pflicht,

andere Menschen zu töten, zu verstümmeln,

heimatlos zu machen.“

 

 

Wenn man wie Inge Jens auf ein intensiv und aktiv gelebtes Leben zurückschauen kann, dann entfaltet sich vor den Zuhörern das großartige Panorama eines beinahe vollständigen Jahrhunderts. Historische Ereignisse, Menschen und Dinge des alltäglichen Lebens werden wieder lebendig und zeigen auf, wie sehr sie unsere Zeit und unser Denken mitgestaltet und geprägt haben.

 

Ein besonderes Merkmal dieses so reichhaltigen Lebens der Autorin war der Mut, sich einzumischen und wenn es sein musste, Wille und Visionen auch mit unkonventionellen Maßnahmen zu äußern. Glaubwürdig war und ist Inge Jens in der öffentlichen Diskussion jedoch nicht nur durch Aktionen wie die Teilnahme an Mutlangen, sondern vor allem auf der Grundlage ihrer geistigen Autonomie. Diese ist ihrem steten Bemühen zu verdanken, an einer differenzierenden Denkweise zu arbeiten, die Vorurteile überwindet und Schwarz-Weiß-Malerei meidet.

 

 

 

 

 

C Silberdistel 2015

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