Unser Name - eine Homage an die Wurzeln der Freimaurerei und den Ort unserer Arbeit

 

In Reutlingen gibt es seit dem 20. Oktober 1996 eine Frauenloge. Sie arbeitet im Logenhaus, dem ältesten sakralen Gebäude Reutlingens, dem Marchtaler Klosterhof.

Aus den Annalen geht hervor, dass sich dort etwa um das Jahr 1240 die einstige Bauhütte befunden haben muss, von der aus die Baumeister und Steinmetzen an der Errichtung einer Marienkapelle gewirkt haben. Sie ist älter als die Marienkirche (erbaut zwischen 1273 und 1343), das heutige Wahrzeichen der Stadt Reutlingen.

Die Kapelle wurde um 1500 im spätgotischen Stil renoviert, überstand den großen Stadtbrand von 1726 und diente während des Dreißigjährigen Krieges vorübergehend vier Nonnen aus dem Pfullinger Kloster als Zufluchtsort. Eine noch erhaltene Steinplatte zeigt an, dass hier am 15. November 1646 die Klarissinnennonne Sybilla Knerin verstorben ist. Seit 1802 ist das klösterliche Anwesen säkularisiert und die Nutzung wurde zwischenzeitlich einer Glockengießerei überlassen. 1885 erwarb ein Privatier das Gebäude im Auftrag des damals existierenden Freimaurerkränzchens, dessen Brüder nun, nachdem sie ein eigenes Haus hatten, die Gründung der Loge "Glocke am Fuße der Alb" (http://216.121.84.94) beschließen konnten. Der schöne steinerne Spitzbogen für das Haupttor der Kapelle wurde beim Umbau 1893 an die Straßenfront des Gebäudes verlegt, so dass man heute noch immer durch denselben Torbogen das Haus betritt, den vor Jahrhunderten die Gläubigen durchschritten, wenn sie die Messe hören wollten. 

Wir arbeiten heute also an einem äußerst geschichtsträchtigen Ort, der uns einerseits immer an Stationen unserer mitteleuropäischen Geschichte erinnert, aus der unsere heutige Gesellschaft mit all ihren Strukturen hervorgegangen ist, aber andererseits auch ganz besonders an die Ursprünge der Freimaurerei: an die Gilden und Lodges der "Masons" in England (14. bis 17. Jhd). In diesen einfachen Unterkünften, wie sie während der Bauzeit errichtet wurden, haben sich einst freie Maurer getroffen, d.h. Menschen, die als "Arbeitsmigranten" unabhängig von Fron und ortsgebundener Zunft ihrer Arbeit nachgehen konnten, die sich außerdem auf ihren Reisen durch die Welt viel Wissen und Toleranz gegenüber Fremden angeeignet hatten und die es sich von daher auch leisten konnten, "anders" - nämlich "frei" - zu denken und zu handeln.

Ihre Kenntnisse und Visionen haben sie in ihrer Architektur zum Ausdruck gebracht und in der Ordnung des Bauwerkes die Gesetzmäßigkeiten und Ursachen, die eine dem Leben zugrunde gelegte Ordnung verdeutlicht.   

Historisch bedingt konnten solche Ideale über viele Jahrhunderte hinweg offiziell nur von Männern verwirklicht werden. Inzwischen hat sich die Welt verändert und mit ihr die Arbeit der Freimaurer. Was einst als Tradition von den "freien Maurern" an die geistige Arbeit der Männerbünde in den Freimaurerlogen überging, ist nun auch in der Hand von Frauen. Zusammen fühlen wir uns in unserem Selbstverständnis als Freimaurerinnen und Freimaurer zu ernsthaftem Bemühen um Wahrheit und Erkenntnis verpflichtet, zum Erhalt und zur Pflege der freimaurerischen Symbolik als Wegweisung zur Menschlichkeit. Und das betrifft Menschen von heute. Menschen, die eine politische Gleichberechtigung besitzen, Menschen, die es ernst meinen, die sich in ihrem Mann- oder Frausein als existenzielle Ergänzung betrachten, Menschen, die ein menschliches Miteinander anstreben.

Die Silberdistel

Die Silberdistel oder Eberwurz ist eine typische Pflanze der Kalktrockenrasen. Die großen, bis 10 cm breiten Blütenkörbchen der Silberdistel sind von einem Kranz silbrig glänzender Hüllblätter umgeben, die sich abends und bei schlechtem Wetter schließen. Bei sonnigem Wetter sind sie strahlenförmig ausgebreitet. Der Name "Distel" bezieht sich auf die dornigen Blätter. Bienen, Hummeln, Käfer und Tagfalter bestäuben die zahlreichen im Körbchen stehenden rosaroten Röhrenblüten. Die Samen der Eberwurz werden von Vögeln verbreitet. Die Silberdistel ist auf den höheren Lagen der Mittelgebirge beheimatet, also besonders auch auf der Schwäbischen Alb. Sie fehlt jedoch in der Ebene. Sie ist nicht zuletzt deshalb schutzbedürftig, weil sie oft ausgerissen und als Trockenblume verwendet wird. So steht sie heute unter Naturschutz. Schon im 8. Jahrhundert gab es den, dem hl. Andreas gewidmeten ,,Distelorden", dem niemals mehr als sechzehn schottische Adlige angehörten und dessen Abzeichen die Distel war. Seine Devise lautete: "Niemand reizt mich ungestraft." Für das viktorianische England war die Distel außer der Wappenpflanze Schottlands auch ein Sinnbild des ,,Trotzens", womit sich ihre naturgegebene Fähigkeit, Störenfriede energisch abzuwehren, erneut bestätigte. Viel symbolische Bedeutung in einer Pflanze - symbolische Bedeutung, die sich eine Gruppe von Menschen für ihr selbst gewähltes Vorhaben ausgesucht hat.

Wie kamen wir auf den Logennamen?

Zunächst sollte unsere Loge einen Bezug zur Region erhalten. Rund herum um Reutlingen steigen die Hänge zur Schwäbischen Alb an und auf ihren Höhen findet man die Silberdistel überall. Besonders an sonnigen Herbst- und Wintertagen leuchtet sie aus der Wachholderheide dem Wanderer entgegen, sie erzählt von der Sommersonne und strahlt sie auch zurück. Man freut sich bei ihrem Anblick besonders, weil rundherum die Winterstarre in Gräser, Sträucher und Bäume Einzug gehalten hat. So spürt man Wärme und Wohlbehagen und die Gewissheit, dass die Sonne etwas Bleibendes hat.

Wir denken also auch an die symbolische Bedeutung der "Sonne", die in allen Kulturen immer wieder in ihrer lebensspendenden Kraft auftaucht. Durch die Übernahme der Silberdistel in unser Emblem haben wir gleichzeitig einen Strahlenkranz, die Korona, für unsere Arbeit. Damit verkörpert diese Darstellung unser Vorhaben, unsere Arbeit mit Freude und Wärme für unser Umfeld zu tun und in Wahrhaftigkeit zu "strahlen". 

Disteln haben aber auch etwas "Stachliges" an sich - das nehmen wir gern in Kauf. Wer selbst bereit ist, sich nicht immer nur anzupassen, sondern auch Mut zur eigenen Meinung mit fundierten Argumenten zu entwickeln, wird sich mit seinen eigenen Stacheln am richtigen Ort angekommen fühlen.

Die drei Säulen

Wenn von den „3 Säulen“ die Rede ist, die in den alten Ritualen in der Regel auch „Pfeiler“ genannt werden, hat man es mit einer übertragenen Bedeutung des Wortes „Säule“ zu tun.  Wir finden diese nicht nur im freimaurerischen Ritual, sondern überall. „Säulen/Pfeiler“ haben in der Architektur eine stützende Funktion, sie  sind „tragend“. Sie bilden neben dem Fundament und den Wänden des Gebäudes ein ganz wichtiges Bauelement, denn sie ermöglichen eine gewisse Leichtigkeit der Konstruktion, wie sie niemals durch Mauern erreicht wird und können vielerlei Zierrat ver“tragen“, um dem Bau zu höchst individueller Ausprägung zu verhelfen.  Somit wird in der deutschen Sprache alles, was irgendwie „stützend“ oder „tragend“ ist, auch gern mit dem Begriff „Säule“ beschrieben:

Spricht man von einer Säule („Er ist die tragende Säule der Firma“), ist meist die Einzigartigkeit und Standfestigkeit einer Sache oder eines Menschen gemeint, wie sie auch beispielsweise in der Siegessäule dokumentiert wird.

Auf „zwei Säulen“ ruht oft eine Argumentation, wenn sie pro und contra beinhaltet.

Auf drei Säulen/Pfeilern hält ein Dach und es entsteht ein „Gehäuse“.

Wenn von vier Säulen die Rede ist, sind es meist „Grundsätze“, „Punkte“, „Grundlagen“ etc. einer Sache, auf denen diese aufgebaut wird. Die Menge der „Stützpfeiler“ erlaubt da eigentlich keinen Zweifel mehr an der Sache.

Im alltäglichen Sprachgebrauch hat sich diese übertragene Bedeutung von „Säule“ bis in die moderne Computergrafik hinein erhalten. In diesem Sinne ist es auch gemeint, wenn es heißt: die FM ruht auf den drei Säulen Weisheit, Stärke, Schönheit, sie sind die Stützpfeiler unserer Arbeit. 

Es sind eigentlich „Tugenden“, die hier als „Säulen“ bezeichnet und mit verschiedenen Beschreibungen ausgefüllt werden können. Zum Beispiel:

- Selbsterkenntnis, Verstand, Vernunft, Eingabe usw. sind Wege, die uns zu Weisheit führen und zu verantwortlichem Handeln motivieren (können)

- Harmonie zwischen den Polaritäten, rituelle Formen des Miteinanders gestalten unsere Arbeit in ästhetischer Form, die uns das Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen erfahren lässt und

Kraft, Ausdauer, .... werden zur Ausführung gebraucht. Die Unmenge an Veröffentlichungen zu dieser Thematik, wie sie in den freimaurerischen Magazinen dokumentiert ist, erzählt von der ungeheuren Dehnbarkeit der Begriffe, die zwar einerseits Vielfalt erzeugt, aber auch der Gefahr der Beliebigkeit ausgesetzt ist, so dass leider häufig „alles“ hineininterpretiert wird, was sich assoziativ anbietet. 

Die umschließende Kette

Unter einer Kette versteht man im üblichen Sinne ineinander verschlungene Glieder, die meist kreisförmig oder eckig sind. Unsere Kettenglieder bestehen jeweils aus zwei Dreiecken und sind mit dem nächsten durch eine dünne Linie verbunden.

Die beiden Dreiecke symbolisieren die Polarität, zwischen den der Mensch lebt. "Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust". Unbewusstes und Bewusstes, Männliches und Weibliches (Animus und Anima), gegensätzliche Eigenschaften (gut und böse, geizig und verschwenderisch, aufnehmend und gebend, ................), Innen und Außen, physisches und außerphysisches Sein, Ich und Umwelt, soziale und personale Identität, Jugend und Alter, Leben und Tod. Dort, wo die Gegensätze aufeinandertreffen, dort wo die Gesamtfigur gespalten ist, befindet sich die Hypotenuse des Dreiecks, seine längste Seite. Sie veranschaulicht die ungeheure "Bandbreite" individueller menschlicher Erfahrung, die Vielfalt an Gedanken, Eigenschaften, Gefühlen und Prägungen, die wiederum bestimmt sind durch die jeweils ganz persönlichen Umstände von Kindheit, Umfeld und inneren Anlagen. In der Zusammenfügung der beiden Dreiecke zur viereckigen Raute entsteht eine neue Figur: die Gesamtheit des einzelnen Menschen, seine Ganzheit. Alles gehört zum ganzen Menschen, insbesonders seine Widersprüche. 

Wenn der einzelne Mensch nun mit einem anderen in Verbindung tritt, dann erscheint er zunächst in seiner physischen Gestalt. Er kann von dem oder den anderen optisch wahrgenommen werden. Der physische Leib versucht, sich über Körpersprache zu verständigen. Er sendet körperliche Signale aus, die im Allgemeinen von seinen Mitmenschen sehr deutlich verstanden werden. Nicht umsonst ist die Körpersprache das ursprünglichste Verständigungsmittel unter den Menschen gewesen. Wir reichen uns in der Kette die Hände. Viel schwieriger aber wird es, wenn wir uns über die nichtmateriellen Seiten in uns, also über Gedanken, Gefühle, Ideen, u.s.w. austauschen wollen. Dafür hat sich der Mensch die Sprache einfallen lassen, eine jede Stammesgruppe in höchst individueller Ausprägung. Aber wie beschränkt ist sie doch letzten Endes! Jeder von uns hat schon oft eine Situation erlebt, in der er "sprachlos" war. Oder wie oft wollen wir dem Mitmenschen einen Rat geben, ihn auf etwas hinweisen, ihn warnen, ihm helfen - aber er versteht uns nicht! Können wir uns denn überhaupt wirklich verstehen? Wahrscheinlich sind die Augenblicke des Nicht-Verstehens auf dieser Welt wohl eher die Regel. Noch nie sind so viele Worte geredet, gedruckt, gesendet, gefaxt und übers Internet gegangen wie heute im begonnenen 21.Jhd., dem sog. Kommunikationszeitalter. Und wieviel wird wirklich gesagt? Und wieviel wird wirklich verstanden?

Trotzdem aber gibt es immer wieder jene Momente, in denen wir das Gefühl haben, verstanden zu werden. Nimmt man den Begriff ernst, dann hat Verstehen etwas mit "Stehen" zu tun. Vielleicht bleibt dann die ständige Bewegung, in der wir uns befinden, - das "Alles fließt", wie Heraklit sagte - , für einen Augenblick "stehen", ein winziger Teil von uns selbst, ist mit dem ebenso winzigen Teil des anderen zur Deckung gekommen.

Die dünne Verbindung unserer Kettenglieder weist also sowohl darauf hin, dass eine Verbindung möglich ist, aber auch darauf, dass diese im Vergleich zu dem, was jeder einzelne in seinem subjektiven Verständnis meint, nur einen Bruchteil davon verkörpert.

Wir haben also als Freimaurer durch das Symbol der Kette immer wieder diesen einen Händedruck der physischen Kette. Wir können aber auch vielleicht die Hoffnung haben, dass unter uns, durch die gemeinsame Idee, durch den gemeinsamen Willen zur Arbeit an uns selbst, zur Veränderung, immer wieder ein Zeitpunkt eintreffen kann, sich zu verstehen. Wenn wir dann wirklich das Gefühl haben, dass etwas "stehen" bleibt, dann haben wir vielleicht eine Ahnung der Ewigkeit.

Dazu wünschen wir uns das "Strahlen", das im Symbol der Silberdistel ausgedrückt wird, als Begleitung aber auch als Ausstrahlung. Die Fläche der Röhrenblüten im Innern gibt Platz für die drei Säulen unserer, die somit im "Zeichen der Silberdistel" stehen, die Gestaltung unserer Kette weist uns darauf hin, dass wir zwar allein unser Leben bewältigen müssen und dass jeder für sich aktiv sei muss, aber auch darauf, dass die Gemeinschaft uns hilft und wir im Zusammenspiel unserer individuellen Kräfte zu einem gelungenen Werk kommen. 

HAP Grieshaber war ein bedeutender Reutlinger Künstler. Er selbst hat eine Ausgabe seiner Zeitschrift "Engel der Geschichte" der Schwäbischen Alb und der Silberdistel gewidmet. Seine Lebensgefährtin, die Schriftstellerin Margarete Hannsmann, hat dazu unter anderem folgendes Gedicht verfasst: 

 

Landschaft

Aber es werden Menschen kommen

denen das Zeitauf Zeitab

der Fabriken gleichgültig ist

sie wollen nicht nur in den Supermärkten

einkaufen aber sie fragen nach dem

Millionen Jahre alten Wind

ob ihr noch Vögel

Fische

Füchse

Sumpfdotterblumen

aufgehoben habt

wenn anderswo

alle Wälder zerstückelt sind

all Städte über die Ränder getreten

alle Täler überquellen vom Müll

könnt ihr noch Wetterbuchen liefern?

einen unbegradigten Fluß?

Mulden ohne schwelenden Abfall?

Hänge ohne Betongeschwüre?

Seitentäler ohne Gewinn?

habt ihr noch immer nicht genug

Einkaufszentren in Wiesen gestreut

Möbelmärkte zwischen Skabiosen

nicht genug Skilifte ohne Schnee

Nachschubstraßen für Brot und Spiele

Panzerschneisen hügelentlang

wenn ihr die Schafe aussterben laßt

stirbt der Wacholder

Silberdisteln

bald wird man diese Namen aussprechen wie

Joringel Jorinde als Kind

zu den Ammoniten im Steinbruch

wird man wie nach Eleusis gehn

eure Geschichtslosigkeit war ein Windschatten

abseits

der Erosion des Jahrtausends

könnt ihr denen die zu euch kommen

eine Wacholderstunde anbieten

erdalterlang

falls ihr den Augenblick

euren

nicht betoniert

C Silberdistel 2015

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